Erste Freilandbruten wildlebender Bartgeier (Gypaetus barbatus) in den Alpen seit Anfang des Jahrhunderts
Summary: First successful breeding of Bearded Vultures (Gypaetus barbatus) released in the Alps.
After unsuccessful attempts to reintroduce wildcaught birds in the seventies, 80 juveniles were released in the Alps from 1986 to 1998. In spring 1993, two Bearded Vultures formed a pair in Haute-Savoie/France. They built a nest at the end of the winter and tried to breed there 3 years later. Unfortunately they gave up the clutch after 3 weeks for unknown reasons. In 1997 they managed to rear the first wildborn chick in the Alps since the beginning of the century. It fledged in early August at the age of 117 days. In 1998 the same pair rear another chick while in northern Italy a third bird hatches. In early 1999 four pairs start breeding: 2 in France and 2 in Italy. The author observed the two birds for about 630 hours over six years and gives further information concerning behavioural phenomena as well as environmental problems for these birds.
Einleitung
Ausrottung und Wiederansiedlung
Die letzen Bartgeier der Alpen hatten um 1910 im Westteil des Massivs gebrütet (Mingozzi & Estève 1997) ; die letzten Beobachtungen und Abschüsse stammten aus den Jahren 1920, 1924 und 1930. In den meisten Gebieten war diese Art jedoch bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts völlig ausgerottet (FCBV 1997, Pachlatko &Stalder 1991). Bartgeier sind im Gegensatz zu Steinadlern recht vertraute und neugierige Vögel, und es passierte oft, daß ein solches Tier in unglaublich geringer Distanz an einem Bergsteiger, Jäger oder Bergbauern vorbeistrich, was natürlich dahingehend mißdeutet wurde, daß die "Bestie" versucht hatte, den Betreffenden zu erschrecken und so in den Abgrund zu stürzen. Wurde ein Bartgeier beim Verzehr eines abgestürzten Lammes erwischt, schloß man natürlich auf seine Mittäterschaft, weswegen die Art lange Zeit "Lämmergeier" genannt wurde. Und wenn der Vogel mit seinen 2,70 m Spannweite im Tiefflug über ein im Gras liegendes Kleinkind hinwegschwebte, waren seine mörderischen Absichten nicht von der Hand zu weisen. Heute weiß man, daß ein Bartgeier nicht in der Lage wäre, eine Last von 3 kg wegzutragen und überhaupt ein harmloser Aasfresser ist. Vor 100 Jahren jedoch griff man zur Flinte, wenn das ausgelegte Gift bislang wirkungslos geblieben war.
Inzwischen ist diese Art überall recht selten geworden. Man schätzt, daß heute noch etwa 90 besetzte Territorien in den Pyrenäen existieren (Heredia 1997), 8 in Korsika (Fasce 1997) , sowie 10-12 auf Kreta (Xirouchakis & Giannatos 1997). Auf Sardinien, im Atlas und dem Balkan scheint die Art so gut wie ausgestorben, und auch die türkischen und russischen Bestände scheinen lange stark überschätzt worden zu sein. In Andalusien, wo der Bartgeier seit 1982 ausgestorben ist, wird gerade ein Wiedereinbürgerungsprogramm aufgebaut.(Llopis & Simon 1997).
Bereits 1910 und 1922 regten noch vor O. Heinroth die schweizer Ornithologen A. Richard und C. Stemmler zur Wiedereinbürgerung von Bartgeiern an. Aber die Mentalität der damaligen Zeit verhinderte diese Projekte bis zum Anfang der 70er Jahre, als der Genfer Paul Géroudet mit Unterstützung aus Frankreich und Italien auf die Idee kam, Wildfänge aus Kabul/Afghanistan kommen zu lassen und in Hoch-Savoyen freizulassen. Diese ersten Versuche scheiterten jedoch aus vielen Gründen. (Géroudet 1978, Arlettaz 1996) Von 8 in den Jahren 1974/75 importierten Vögeln starben 3 in Gefangenschaft an Aspergillose, einer Infektion, die man damals noch nicht systematisch zu heilen wußte, 2 entflogen, und 2 kamen um, als eine Voliere bedingt durch heftige Schneefälle zusammenbrach. Ein Vogel wurde freigelassen, aber wenige Tage später 300 km weiter westlich der Alpen abgeschossen. Bis 1980 sah man hin und wieder noch einen der entkommenen Geier, dann verschwanden diese auch. Inzwischen hatte der Zoo von Kabul weitere Lieferungen eingestellt, und man verzichtete darauf, die 2 verbleibenden Tiere freizulassen.
Angespornt durch die ersten spektakulären Zuchterfolge in Wien und Innsbruck beschloß man 1978 eine neue Strategie. Während der folgenden 8 Jahre beschränkte man sich zunächst darauf, im Rahmen eines internationalen Zuchtprogramms, das heute 29 Zoos und Zuchtstationen in 13 Ländern umfaßt, möglichst viele Jungvögel hochzuziehen. Die bedeutendste dieser Zuchtstationen ist die Vienna Breeding Unit der FCBV (Foundation for the Conservation of the Bearded Vulture) mit 10 Brutpaaren.
Seit 1986 werden nun pro Jahr im Schnitt 6 Tiere im Alter von 85 - 100 Tagen in wettergeschützten Grotten an 4 gleichmäßig über den Alpenkamm verteilten Orten freigelassen. Es handelt sich dabei um das Krumltal im österreichischen Rauris (Nationalpark Hohe Tauern/Kärnten), das Aravis-Bargy-Massiv in Hoch-Savoyen, den schweizerischen Nationalpark in Graubünden, sowie den franko-italienischen Nationalpark Mercantour-Argentera in den Seealpen, in die sich anscheinend sehr selten schon mal ein Vogel aus der Wildpopulation von Korsika verfliegt.
Die Jungvögel werden immer paarweise ausgesetzt, was den Mangel an sozialen Kontakten der elternlosen Jungtiere kompensieren soll. Sie werden einige Wochen lang gefüttert, fliegen im Alter von etwa 120 Tagen aus und verlassen normalerweise schon recht früh im August/September das Gebiet, um sich auf ihre Jugendwanderungen zu begeben, die meist nur 1-3 Jahre dauern, bevor sich der Geier in einem unbesetzten alpinen Territorium niederläßt. Manchmal wird dabei ein mit Philopatrie bezeichnetes Phänomen beobachtet. Einige der Vögel kommen nämlich an ihren "Geburtsort" zurück und beziehen in der unmittelbaren Umgebung ihr Quartier.
Andere jedoch verlieren völlig die Orientierung und ziehen in einer beliebigen Richtung weit weg ins westeuropäische Flachland. Einen Junggeier aus Kärnten hat man an der französischen Atlantikküste aufgegriffen und in die Alpen zurücktransportieren müssen. Gar 3 französische Geier flogen bis nach Holland: zwei im Jahre 1997, einer im darauffolgenden Jahr. Ein Vogel konnte eingefangen werden (Louwman 1997), der zweite flog weiter bis Schleswig-Holstein, wo seine Spur sich verlor. Der dritte flog 1998 bis auf die Insel Texel, war aber 2 Wochen später wieder zurück in den Alpen !
Die Bilanz des Wiedereinbürgerungsprogramms ist ermutigend. In den 29 Zuchtstationen saßen im Dezember 1997 insgesamt 92 für die Zucht bestimmte Tiere. Im Jahre 1997 legten 21 Brutpaare in Gefangenschaft 37 Eier. Der Zuchterfolg ist jedoch oft sehr niedrig: es schlüpften in diesem Jahr nur 11 Jungvögel, von denen 8 überlebten, und 4 freigelassen wurden. (Frey 1997) Von 1986 - 1998 wurden insgesamt 80 Jungvögel in den Alpen freigelassen, die genetisch von immerhin 18 verschiedenen Paaren abstammen, was das gefürchtete Inzuchtproblem im Hintergrund lassen dürfte. 3 dieser Geier mußten wieder eingefangen werden (Verletzung oder Probleme durch Prägung auf Menschen), mindestens 3-4 wurden abgeschossen (Wallis/Schweiz, Savoyen/Frankreich, sowie an der österreichisch-italienischen Grenze), 2 kamen durch Lawinen um, 2 durch Kollision mit Starkstromleitungen. Ein Jungvogel wurde noch vor dem Flüggewerden nachts von einem Fuchs getötet, ein anderer soll von einem Steinadler tödlich verletzt worden sein. Eine Reihe anderer Vögel verschwanden aus unbekannten Gründen. Es wird geschätzt, daß von den 80 ausgesetzten höchstens 50-60 Vögel bislang überlebt haben.
Da die freigelassenen Vögel durch gebleichte Schwung- und Schwanzfedern etwa 2 Jahre lang individuell erkennbar sind, besitzt man recht gute Kenntnisse über den Verlauf ihrer Jugendwanderungen sowie ihren Verbleib. Werden diese Federn aber vermausert, wird es bald unmöglich, die einzelnen Tiere zu identifizieren, es sei denn, es handelt sich um ortstreue Vögel, die jede Woche beobachtet werden können und durch ihr Mauserschema und Gewohnheitshandlungen (z.B. Übernachtungsplätze) von regelmäßigen Beobachtern im Auge behalten werden. Jeder Geier trägt zwar farbig eloxierte Metallringe, die aber in der Regel durch die starke Befiederung der Beine unsichtbar bleiben.
Das Bartgeierpaar in Hoch-Savoyen
Die ersten Jahre des Weibchens.
Dieser Vogel wurde im Juli 1989 mit 4 anderen Jungvögeln im Bargy-Massiv ausgesetzt, genau 200 Jahre nach der französischen Revolution, weshalb man ihn "Assignat" taufte. (Von seinen Gefährten gehören die Vögel "Robespierre" und "Danton" bezeichnenderweise zu den inzwischen umgekommenen Tieren.) Schon in den ersten Wochen in der Freiheit machte Assignat durch ausgesprochen aggressives und territoriales Verhalten auf sich aufmerksam. Nach einer kurzen Eskapade in die westschweizer Alpen kam sie schon 1990 ins Bargy-Massiv zurück. Assignat entfernte sich nur selten aus ihrem auf ca. 500 qkm geschätztes Territorium. Noch heute ist sie leicht daran zu erkennen, daß eine ihrer mittleren Schwanzfedern fehlt oder zu kurz ist, was ihr ein doppelschwänziges Aussehen verleiht. Durch diese Umstände ist Assignat wohl der am besten untersuchte Bartgeier der Alpen.
Sie wohnte den Freilassungen mehrerer Artgenossen bei, vergesellschaftete sich regelmäßig mit den Neulingen und trug maßgeblich dazu bei, daß diese rasch selbständig und ortskundig wurden. Im Spätsommer nahm ihre Aggressivität zu, so daß die Juvenilen meist schon recht früh das Gebiet verließen (Coton& Estève 1992). Ihr Verhalten gegenüber anderen Jungvögeln variiert stark von Jahr zu Jahr. Trotz ihrer gelegentlichen Aggressionen hat sie ihren Artgenossen immer wieder erlaubt, sie auf ihren Nahrungsflügen zu begleiten und so zu deren Lernprozess und Emanzipation beigetragen (Coton 1993-94).
Im Juli 1994 beobachtete ich z.B., wie der Junggeier "Republic 6" Assignat 45 Minuten lang auf einem Felsabsatz um Nahrung anbettelte, während diese sich ihm gegenüber total gleichgültig verhielt. Seitdem Assignat jedoch eigene Junge hochzieht, hat sich ihr Verhältnis anderen Junggeiern gegenüber zugespitzt, weswegen die APEGE (Agentur für Umweltschutz und Umweltmanagement) in Hoch-Savoyen ab 1999 darauf verzichten will, weitere Jungvögel in Horstnähe freizulassen.
Paarbildung, Identifizierung und Identität des Männchens
Am 8.Mai 1993 beobachtete ich zum ersten Mal im Bargy-Massiv bei Genf Assignat in Begleitung eines scheinbar etwas älteren subadulten Vogels. Nach seinem Verhalten (Synchronflug) handelte es sich um ein Männchen mit deutlich dunklerem Gefieder, besonders auf den kleinen Decken der Flügelunterseite, sowie tief rostfarbenem Brustgefieder. Nach einem Vergleich mit 2 Monate vorher im 100 km entfernten Wallis gemachten Aufnahmen (Arlettaz 1996) kam ich zu dem Schluß, daß es sich dabei nicht um den fünfjährigen Vogel "Balthasar" handelte, der das Val de Bagnes dort von März 1992 bis März 1993 besetzt hatte und seitdem verschwunden blieb. Dies ließ zwei andere Möglichkeiten offen:
- Entweder es handelt sich um "Melchior" der auch 1988 an der gleichen Stelle in Hoch-Savoyen freigelassen, aber seit 1991 nicht mehr gesehen worden war. Dieser Vogel hatte sich in Italien im Gran-Paradiso aufgehalten, sowie am Kleinen St.-Bernhard-Pass, im Aostatal, im Ecrin- und Vanoise-Park in Savoyen, sowie im Beaufortin (Coton & Estève 1992). Da sein Gefieder jedoch total vermausert war, gab es keinen schlüssigen Beweis dafür. (Im Jahre 2005 wurde durch ADN-Analyse einer Feder festgestellt, dass es sich um den 1988 am gleichen Ort ausgesetzten Vogel "Balthasar") handelte.)
- Oder es handelt sich um eines der beiden Männchen "Hans" (1986) und "Ulli" (1988), die in Österreich verschwunden waren (Frey 1995). Dafür spräche die Tatsache, daß es mir einmal gelang, an beiden Füßen des Vogels je einen Metallring zu sehen. Melchior soll nur einen Ring besitzen. Die französischen Beobachter, die dies leider nie zu bestätigen vermochten, gehen jedoch offiziell weiter davon aus, daß es sich höchstwahrscheinlich um "Melchior" handelt (Coton & Heuret 1996), weshalb ich den Vogel weiterhin *Melchior nennen werde.(Im Jahre 2005 wurde aber durch ADN-Analyse einer Feder festgestellt, dass es sich um den 1988 am gleichen Ort ausgesetzten Vogel "Balthasar") handelte, nicht um "Melchior".)
Dieses Männchen hat sich seitdem von Assignat immer durch ein dunkleres Unterflügel- und Schwanzgefieder unterschieden; auch die Form des Stoßes ist etwas anders: eher fächerförmig und regelmäßig bei *Melchior, wogegen Assignat einen asymmetrischen, mehr keilförmig-länglichen Schwanz hat. *Melchiors Silhouette scheint auch für geübte Beobachter etwas schlanker, fast grossmöwenartig, mit relativ spitzen Flügeln, während Assignat oft massiver wirkt, mit brettartigen Flügeln. Auf weitere Entfernungen helfen oft Mauserlücken in den Schwingen, die Vögel voneinander zu unterscheiden, wenn man sie oft genug sieht. Die Orangefärbung, die durch Baden in eisenoxdhaltigem Schlamm entsteht, variiert bei beiden Vögeln stark und ist nur gelegentlich ein Unterscheidungsmerkmal für Kenner. Wenn beide Vögel in einer Wand sitzen, sind sie nur auf kurze Entfernung durch ihre mehr oder weniger deutlichen Halsringe zu identifizieren, ansonsten nur manchmal durch das dominante Verhalten von Assignat.
Von Mai 1993 bis März 1998 habe ich an 310 Tagen weit über 2000 Stunden im Revier dieses Paares verbracht, während denen ich ca. 630 Stunden Sichtkontakt zu den Vögeln hatte. Trotz alledem sind meine Beobachtungen zu unregelmäßig über das Jahr verteilt, hat meine Präsenz im Tagesverlauf zu oft und zu stark variiert, um mir zu erlauben, quantitativ immer statistisch absicherbare Aussagen zu machen. Diese Arbeit ist also mehr als ein Erfahrungsbericht aufzufassen, ein Versuch, Tausende von Detailbeobachtungen zu systematisieren und übersichtlich darzustellen.
Erster Horstbau und lokale Fauna
Am 16. Mai 1993 beobachtete ich unser Paar, das dabei war, in nur 600 m Entfernung der Grotte, in der Assignat 4 Jahre vorher ausgesetzt worden war, einen Horst zu bauen. Dieser befindet sich in etwa 2050 m Höhe ü.M. in der Mitte einer ca. 300 m hohen Steilwand, die nach S-SSO orientiert ist und am Nordrand ihres Revierkerns liegt, der etwa 60 - 90 qkm groß sein dürfte. Das benutzte Material bestand aus Zweigen, Moos, Gras und Flechten.
Die Gebirgskette verläuft von SW nach NE, was für diese Vögel, die auf günstige thermische Verhältnisse angewiesen sind, schon am Morgen ideale Bedingungen erzeugt.
Die benachbarten Gipfel sind 2100 bis 2438 m hoch. Im Februar 1996 sollte Assignat dann ihr erstes Ei in diesen Horst legen. Erst 1997 fingen die Geier an, einen zweiten Horst zu beschicken.
Das Gebirgsmassiv, in dem sich das Nest befindet, ist sehr reich an Schalenwild. Die Schätzungen des ONC (Jagdbehörde) und der APEGE ergeben für die ca.11 km lange Kette ca. 240 Steinböcke Capra ibex (Coton & Heuret 1995), 50 - 60 Gemsen Rupicapra rupicapra und etwa genauso viele Rothirsche Cervus elaphus . Außerdem gibt es im Sommer einen enormen Hausviehbestand in dieser Gegend, der manchmal gar zu Übergrasungsschäden führt. Kontakt von Wildtieren und Hausvieh führt auch gelegentlich zu Epidemien, wie z.B. der Moderhinke im Sommer 1996, als sich eine Gruppe alter Steinböcke bei einer Schafherde durch Frequentieren des gleichen Schattenplatzes infizierte.
Da im Bargy-Aravis-Massiv die Hänge z.T. recht steil sind und Steinschlag häufig vorkommt, ist für Bartgeier der Tisch also ganzjährig reich gedeckt; der Hauptgrund, weshalb diese Gegend für eine Wiederansiedlung gewählt wurde.
Natürlich gibt es hier auch noch einige Rehe (Capreolus capreolus), Feldhasen (Lepus capensis) Schneehasen(L.timidus), Wildschweine (Sus scrofa), Murmeltiere (Marmota marmota), Füchse (Vulpes vulpes), Dachse (Meles meles) und Edelmarder (Martes martes). Ornithologisch gesehen gehört diese Gegend zu einer der reichhaltigsten in ihrer Artenvielfalt. In weniger als 3 km Entfernung vom Geierhorst brüten Mäusebussarde (Buteo buteo), Steinadler (Aquila chrysaetos), Sperber (Accipiter nisus) , Turmfalke (Falco tinnunculus), Alpenschneehuhn (Lagopus mutus), Birkhuhn (Tetrao tetrix) , Steinhuhn (Alectoris graeca), Kolkrabe (Corvus corax) Alpenkrähe (Pyrrhocorax graculus) , Schwarzspecht (Dendrocopos martius) und Rauhfusskauz (Aegolius funereus).
Unter den Kleinvögeln sollte man erwähnen: Schneefink(Montifringilla nivalis), Klappergrasmücke(Sylvia curruca), Neuntöter (Lanius collurio), Zippammer (Emberiza cia), Steinrötel(Monticola saxatilis), und den Mauerläufer (Tichodroma muraria), der schon 15 m neben dem Geierhorst gebrütet hat. Hin und wieder sieht man auch Wanderfalken(Falco peregrinus), Wespenbussarde (Pernis apivorus), Habichte (Accipiter gentilis), Felsenschwalben (Ptyonoprogne rupestris) und Alpensegler (Apus melba). In ca. 1500-1600 m Höhe gibt es sogar in Bachnähe und an Nordhängen einige Paare Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris), ein lokales Kuriosum.
Erste Paarungen
Am Nachmittag des 9.Januar 1994 beobachtete ich wohl als erster seit der Jahrhundertwende eine Paarung freilebender Bartgeier in den Alpen. Die Vögel saßen auf einem Feldvorsprung, nicht weit von ihrem Horst entfernt. 20 Minuten später kopulierten sie noch einmal, trotz des einzigen in 600 m Entfernung funktionierenden Schleppliftes eines (sehr kleinen) Wintersportortes. Am 12. Januar beobachtete ich 3 Paarungen in 18 Minuten, sowie weitere bis zum 9. Februar. Da Assignat erst 5 Jahre alt war, war ein erstes Gelege noch unwahrscheinlich. Immerhin war dieses Ereignis zu dem Zeitpunkt der Durchbruch des Projektes. Schon im Januar und vor allem im Mai bauten die Geier recht unzeitgemäß aber intensiv an ihrem Nest weiter. Bemerkenswert auch die langen gemeinsamen Sitzungen, wo sich beide Vögel gegenseitig Kopf- und Halsgefieder putzen, wie dies sonst eher Papageienartige zu tun pflegen. Ein Verhalten, das zur Verstärkung der Paarbeziehung wichtig zu sein scheint.
Bis 1998 sind beide Vögel die einzigen im Alpenkamm geblieben, die versucht haben, sich zu vermehren. Die einzigen bis dahin bekannten anderen Paare waren im Rauristal und in Savoyen. Das erste Paar fiel 1996 auseinander; wahrscheinlich handelte es sich um 2 Weibchen (Schaden & Frey 1997). Das Männchen des letzteren Paares kollidierte in einem Föhnsturm mit einem Kabel und kam um.
Verschwinden des Männchens
Nach den ermutigenden Ereignissen des Winters scheint dann ein Rückschlag zu kommen. Vom 1. Juni an ist Assignat allein; alle befürchten das Schlimmste. Doch am 25. September sitzt sie wieder auf dem Horst in Begleitung eines zweiten Vogels, der dann wieder verschwindet und erst Mitte November wieder auftaucht. Am 25. November beobachte ich die Geier bei einer Paarung auf 2400 m Höhe. Bei dem zweiten Tier handelt es sich effektiv um *Melchior, der sich wahrscheinlich im benachbarten Savoyen aufgehalten hatte, wo er im Vanoise-Park mit anderen Geiern ein Trio gebildet hatte, was bei dieser Art oft vorkommt, jedoch nur selten zu Nachwuchs führt (Dragesco 1995, Heredia 1990). Bis Weihnachten verschwindet er jedoch wieder; und schließlich müssen wir bis Ende Februar warten, bis er im Horstbereich von Assignat bei einem Paarungsversuch abgewiesen wird. Im März wird *Melchior nur an 2 Tagen gesehen, doch am 4. April ist er wieder zurück und hat seither seinen Partner nicht mehr verlassen. In den nächsten Wochen bleiben beide meist zusammen, verbringen viel Zeit am Horst mit gegenseitigem Putzen, Horstbeschickung und Synchronflügen.
Der Sommer verläuft ohne Vorkommnisse; wegen schlechter Nachzuchtergebnisse werden keine Jungvögel ausgesetzt, und das Geierpaar verbringt eine ruhige Zeit im Gegensatz zu 1993/94, wo es zu immer häufigeren Konflikten mit Junggeiern gekommen war. Um diese Ruhe zu bewahren, erscheint ein ministerieller Erlaß: es ist verboten, in einem Umkreis von 700 m am Horst zu fotografieren oder zu filmen. Nicht betroffen von dieser Richtlinie sind jedoch Gleitschirmspringer, die am Horst unmittelbar vorbeifliegen, sowie andere Kletterer und Wanderer. Diese müssen von den Horstbewachern geduldig überzeugt werden, auf Distanz zu bleiben.
Die 3. Paarungssaison
Ende Oktober 1995 fangen die Paarungsflüge wieder an . Am 9. Dezember verzeichne ich die ersten Kopulationen ( 3 in 1 Stunde), am folgenden Tag 3 in 30 Minuten. Bis zum 4. Januar geht es regelmäßig so weiter, dann eine längere Pause bis zum 17. Januar; die letzten Paarungen finden am 27. statt. Meist fliegt *Melchior im Gleitflug heran und landet auf das Weibchen; manchmal bespringt er es aus dem Stand, nachdem es ihn durch wiederholtes Kopfnicken dazu eingeladen hat.
Am 3. Februar haben die Geier aufgehört sich zu paaren; das Wetter wird schlecht, und niemand weiß eine Woche lang, was geschieht. Am Morgen des 10. Februar ist um 8.50 h ein Vogel auf dem Nest, aber der Nebel verwischt alles. Um 9.56 h fliegt ein Adler vorbei, eskortiert von Assignat, die im Schnee landet, einen Gegenstand mit dem Schnabel bearbeitet, um 20 Minuten später zu verschwinden. Routine. Aber seit über einer Stunde versuche ich zu verstehen, warum am Horstrand ein kleiner schwarzer Fleck zu sehen ist, der vorher nicht da war, und auf einmal wieder verschwindet. Trotz der großen Entfernung (1200 m) wird mir auf einmal klar: *Melchior sitzt auf dem Horst und brütet ! Der Fleck war eine seiner Flügelspitzen. Mehr als 20 Jahre Anstrengungen sind endlich belohnt worden. Zum ersten Mal seit fast 90 Jahren brütet ein Bartgeierpaar wieder in den Alpen. Um 12h22 löst Assignat das Männchen ab. Als der Nebel steigt, sehe ich sie auf dem Nest, als sie aufsteht, um das Ei/ die Eier mit dem Schnabel zu wenden. - Normalerweise legen Bartgeier 2 Eier. Das stärkere Küken tötet fast immer das schwächere, so daß nur 1 Jungvogel pro Jahr und Paar hochkommt. Sollte aber ein Ei taub sein, haben die Vögel ein zweites in Reserve. - Im Laufe des Nachmittags lösen sich die Vögel noch zweimal ab. Um 18 h gehe ich heim; *Melchior sitzt auf seinem Schlafplatz 100 m vom Horst entfernt, Assignat brütet.
Während der nächsten Tage behindern uns Schneefälle und Nebel bei der Beobachtung. Aber auch bei gutem Wetter passiert nicht viel. Manchmal gibt es nur eine Brutablösung (in der Regel zwischen 11 und 13 h) am Tag, und der wegfliegende Vogel vermeidet es, auch nur eine Minute zu lang in Horstnähe zu bleiben. Das Brutgeschäft wird zu etwa einem guten Drittel vom Männchen übernommen, manchmal morgens, manchmal nachmittags. Es gibt keine Regel, keine Gewohnheiten. Bartgeier sind in allem recht unberechenbare Tiere. Manchmal verläßt der brütende Vogel das Nest, bevor der andere landet, meist jedoch wartet er, und beide verbringen ein paar Sekunden auf dem Horst. Es kommt sogar vor, daß beide Vögel die Brut 30 Minuten lang verlassen, was auf Unerfahrenheit deutet, denn die Kolkraben sind nie weit entfernt !
Am Morgen des 3. März sitzt das Weibchen am Nestrand und putzt sich, während *Melchior in 2 km Entfernung kreist. Nach 15 Minuten brütet Assignat weiter, das Männchen setzt sich 500 m weiter in eine Felswand. Alles scheint normal, bis sich einer der in der gleichen Wand nistenden Raben am unteren Nestrand festkrallt und Nistmaterial herausreißt. Assignat steht auf, geht zum Rand und verjagt den Raben mit ein paar wuchtigen Flügelschlägen. Zwei Stunden später verläßt sie jedoch das Nest, ohne abgelöst worden zu sein. Drei Tage später sehe ich, wie das Paar einen Moment lang auf dem Horst verweilt, dann aber wieder abstreicht. Die Brut ist aufgegeben. Was ist geschehen ? Gibt es eine Kausalbeziehung zu der Störung durch die Raben? Hat Assignat die Brut während des kurzen Streites beschädigt ? Oder haben die Vögel instinktiv begriffen, daß ihr Ei / ihre Eier unbefruchtet waren, wie dies bei den meisten Erstgelegen von jungen Paaren in Gefangenschaft der Fall zu sein scheint (J.Rimpault, pers. Mitteilg.) ? Wir werden es nie erfahren. Aber es ist beruhigend zu wissen, daß die nötigen Bedingungen für eine erfolgreiche Fortpflanzung von Bartgeiern in natura (Géroudet 1974, 1977) wieder erfüllt sind.
Verhaltensbeobachtungen des nichtbrütenden Paares (1993 - 1996)
Tagesrhythmus
Es ist nicht immer einfach, nichtbrütende Bartgeier zu Gesicht bekommen. Nur während der Paarungszeit kann man einigermaßen sicher sein, die Vögel wenigstens morgens und abends in der Nähe ihrer Wand zu sehen. Wenn die Tiere einmal abgestrichen sind, ist nichts mehr sicher. An bestimmten Tagen kommen sie kurze Zeit später zurück und verbringen 4, 5, oder gar 6 Stunden in Horstnähe. Und manchmal können sie tagelang unsichtbar bleiben, was in Zusammenhang mit variierendem Nahrungsangebot in Horstnähe zusammenhängen dürfte. Von 8 - 11 h morgens sind sie wesentlich häufiger "zu Hause" als nachmittags, wenn sie warme oder heiße Luftströmungen zu ausgedehnten Nahrungsflügen ausnutzen. Abends kommen sie manchmal erst bei Einbruch der Dunkelheit zurück, so daß sie kaum noch zu sehen sind; sie können aber auch schon vor 16 h erscheinen und den Rest des Tages mit Nichtstun verbringen. Nicht selten schläft einer der Vögel, meist Assignat, auf oder neben dem Horst, wogegen der andere erst am nächsten Morgen wieder erscheint.
Statistisch sind diese Aussagen mit Vorsicht zu genießen. Wer weiß, wie viel hundert Stunden lang die Vögel mich beobachtet haben, ich aber nicht wußte, wo sie gerade waren !
Das Nest wird von Januar bis April als Schlafplatz benutzt; anscheinend praktisch nur von Assignat. Oft kommt *Melchior jedoch im Morgengrauen von seinem Schlafplatz hergeflogen und verbringt längere Zeit mit dem Weibchen auf dem Horst. Erst zwischen 11 und 12 h Sommerzeit trifft die Sonne auf das Nest; wenn die Vögel nicht hungrig sind, bleiben sie oft bis zu diesem Zeitpunkt dort sitzen. Meist ist es das Weibchen, das das Signal zum Abflug gibt.
In einem Umkreis von 700 m um den Horst habe ich über 30 verschiedene Sitzplätze entdeckt. Nur 2 davon sind auf einer Felsspitze, die anderen sind Löcher, Höhlen oder Simse in der Wand, einige davon überdacht. Nachts habe ich nur 4 davon besetzt gesehen; diese Plätze sind gut sichtbar durch die flächendeckende weiße Überkalkung. Jedes Jahr stellt man fest, daß bestimmte Plätze ihre Anziehungskraft verloren haben, wogegen andere "in Mode" gekommen sind.
Auf der Südostseite der Bergkette gibt es nur wenige Felsabschnitte, die den ganzen Tag im Schatten liegen. Diese werden vor allem im Hochsommer gerne am Nachmittag benutzt, wenn die Temperaturen in der Sonne über dem hellen Kalkstein enorm steigen können. Sehr beliebt sind dann auch zwei ca. 4 m lange und 1 m hohe horizontale Grotten, die tief genug sind, um beiden Vögeln einen Schattenplatz zu gewähren. Der Horst ist ab 12.30 h in der prallen Sonne und wird nachmittags gemieden.
Jahresrhythmus
Von Mai 1993 bis April 1996 habe ich an 169 Tagen das Gebiet aufgesucht. Nur im Januar, Februar und März habe ich die Tiere jeden Tag (75 mal) gesehen. Im Juli , August und September sind sie häufig abwesend: von 31 Begehungen blieben 16 unfruchtbar. Die Gründe dafür sind klar: im Winter ist das Nahrungsangebot in Horstnähe reichhaltig: hohe Wildkonzentrationen in stark lawinengefährdeten Gebieten. Außerdem fliegen die Vögel nur wenn nötig, um Energie zu sparen, und sind dazu noch durch Paarungsrituale an die Horstnähe gebunden. Im Sommer können sie es sich erlauben, bei heißem Wetter ohne Energieverlust hunderte von Kilometern zu segeln, müssen dies auch tun, da weniger Tiere bei gutem Wetter erkranken und bei Unfällen zu Schaden kommen. Bei Nahrungsengpässen sind die Vögel in der Lage vorzusorgen, indem sie große Mengen von Knochen und anderen Aasresten in ihrer Wand lagern.
Vergleicht man die Dauer der Beobachtungen mit der tatsächlich im Gebiet verbrachten Zeit, ist der Januar der beste Monat: fast 34 Stunden Sichtkontakt von 69 verbrachten Stunden (im Januar 1996). Juli, August und September sind wieder die ungünstigste Zeit: nur 1 h 19' Sichtkontakt innerhalb von 76 h Aufenthalt. (Dies ändert sich natürlich drastisch, wenn die Vögel ein Junges hochziehen, das erst im August ausfliegt.)
Paarbildung
Drei Symptome sind spezifisch, wenn sich ein Bartgeierpaar bildet: der Synchronflug, gegenseitiges Putzen ("Allopreening"), sowie gemeinsamer Horstbau.
Im Gegensatz zu dem, was man in der Literatur über die "Paarungsflüge" lesen kann (Dragesco 1995, Géroudet 1965, Müller 1988, Posse 1993, Baumgartner 1988), kann ich nicht behaupten, daß dieses Verhalten nur während der Balzzeit (November-Januar) zu sehen ist. Akrobatische Luftspiele, wie sie oft beschrieben werden, gibt es bei unserem Geierpaar so gut wie nicht. In der Saison 1995-96 beobachtete ich 12 Synchronflüge, von denen die Hälfte zwischen März und Anfang Oktober stattfanden, also außerhalb der Paarungszeit.
Auch Allopreening ist das ganze Jahr über zu verzeichnen: die 15 notierten Beobachtungen verteilen sich gleichmäßig von September bis Juni. Meist sieht man dieses Verhaltensmuster, wenn die Vögel auf dem Nest sitzen; im Winter dauern die "Sitzungen" am längsten. Meist scheint *Melchior damit anzufangen und wird manchmal von der dominanten Assignat abgewiesen, die gar so weit geht und ihn vom gemeinsamen Rastplatz herunterschubst.
Der Horst wird von November bis Mai beschickt: von 15 Beobachtungen fallen kurioserweise 9 in die Monate April/ Mai und nur 3 in den Januar. Wie im Rauristal (Roth-Callies 1993), kümmert sich das Männchen hauptsächlich darum (in 19 von 25 Fällen). Das Weibchen ist hingegen damit beschäftigt, auf der Nestplattform Ordnung zu schaffen und die herangeschleppten Zweige, Äste und Fellreste zu verankern. (Auch später, während der ersten Brut stand Assignat im Gegensatz zu *Melchior viel häufiger auf, um das Nest umständlich zu "reparieren".) Es kam auch einmal vor, daß das Weibchen in Abwesenheit von Melchior mehrmals Zweige allein aufs Nest brachte. Die längsten herbeigetragenen Äste schätzte ich auf ca. 1,40 m.
Ernährung und Nahrungstransport
Es ist meist schwierig oder unmöglich, die von den Vögeln mitgebrachten Kadaverreste zu identifizieren. Zu Anfang des Frühlings sieht man hin und wieder einen Geier mit einem toten Murmeltier heranfliegen. Diese Nager entsorgen dann die im Winter im Bau eingegangenen Artgenossen und verjagen auch Jungtiere, die bei Temperaturstürzen erfrieren oder verhungern können.
Am 16. Juni 1993 sah ich Assignat in Begleitung von Melchior ein frischtotes neugeborenes Steinbockkitz ca. 30 Minuten lang herumtragen; eine Zeit lang wurde sie dabei von einem Steinadler angegriffen. Hatten die Geier es dem Adler entwendet ? Hatte der Adler es vielleicht selbst erbeutet ? Oder war das Kitz durch einen späten Schlechwettereinbruch eingegangen ?
Am 12. Januar 1994 fliegt *Melchior wenige Meter über das Kabel des Schleppliftes mit einem kompletten (abgenagten) Hinterbein eines wohl adulten männlichen Steinbocks, das ein gutes Stück länger gewesen sein dürfte als der Vogel selbst. Eine halbe Stunde lang versucht der Vogel, die Knochen in 150 m Entfernung von der Skipiste auseinander- zunehmen, bis ihm der Lärm doch zuviel wird, und er in eine ruhigere Ecke fliegt.
Seltsam ist es, die Geier oft bis zu einer Stunde lang mit einem Knochen kreisen zu sehen, ohne je zu versuchen, in anzufressen oder fallenzulassen. Das für Bartgeier charakteristische Knochenbrechen (übersetzt in den spanischen und katalanischen Artnamen "Quebrantahuesos" und "Trencalos"), konnte ich nur selten in Horstnähe beobachten. Die traditionellen Knochenschmieden der Vögel scheinen weiter weg zu liegen. Am 29.November 1995 läßt Melchior einen Knochen 13 mal in 17 Minuten auf ein Geröllfeld fallen. Am 30.März 1996 neunmal in 14 Minuten, in Begleitung einer Rabenkrähe, die immer genau zu wissen scheint, wo der Knochen hinfallen wird und auf dem Boden wartet , bis sie ein Stückchen abbekommt, bevor der schwerfälligere Geier es schafft, selbst zu landen. Beim Abflug nimmt der Geier den Knochen im Schnabel mit, packt ihn jedoch zuerst mit einem Fuß, bevor er ihn wieder fallen läßt. Es kommt auch vor, daß ein Geier einen Knochen ein paar Male fallen läßt, ohne daß dieser zerbricht, und ihn dann einfach ganz verschlingt.
Man findet natürlich häufiger einen oder gar beide Geier an einem Aas auf. Handelt es sich um ein größeres, frischtotes Tier, lassen die Vögel meist nach kurzer Zeit von ihm ab, da sie Probleme haben, etwa die Haut eines Steinbocks anzuschneiden. Sie müssen also warten, bis Fuchs, Steinadler und Raben diese Arbeit gemacht haben. Im Winter 1995-96 lagen drei tote Steinböcke in weniger als 200 m Entfernung der Skipiste im Horstbereich, was die Vögel nicht davon abhielt, selbst an einem Sonntagnachmittag bei starkem Publikumsverkehr davon zu profitieren.
Am 7.Oktober 1995 entdecke ich ein frischtotes Steinbockweibchen. Innerhalb von 5 Minuten erscheinen 3 Steinadler, aber nur einer wagt es, auf dem Kadaver zu landen. Kurze Zeit später kommt Assignat und verjagt alle Adler, ignoriert aber das tote Tier. Drei Tage später finde ich nur noch Haut und Knochen; die beiden Geier bleiben, sichtlich gesättigt, bis 11 h morgens auf dem Nest sitzen, um dann ohne Halt über den Kadaver hinwegzustreichen.
In dem Winter, als die Moderhinkeepidemie die Steinböcke im Bargy heimsuchte, gab es gleichzeitig so viel Fallwild, daß die Geier sich die ruhigsten Plätze aussuchen konnten. Trotzdem fraßen sie auch einmal 150 m von einem Gebäude (Almhof) entfernt. Nur in 2 von etwa 20 Fällen konnte ich beide Vögel gleichzeitig am gleichen Aas beobachten.
Interspezifische Kontakte.
Da die Geier in nur ca. 100 m Abstand von einem Rabenhorst nisten, sind Kontakte mit deren Besitzern häufig und in der Regel unfreundlich. Manchmal wird ein Geier von zwei bis vier Raben verfolgt, meist ist es aber umgekehrt. Es mag aussehen wie ein Spiel, aber die Verfolgungsjagden sind oft lang und von typischem Angstgekrächz gekennzeichnet. Melchior ist deutlich aggressiver als das Weibchen. In einem Winter führte er 16 von 22 notierten Angriffen aus. Nur zweimal beteiligten sich beide Vögel daran. Am Aas haben die Raben nicht immer Respekt von den Geiern und ziehen mit dem Schnabel an ihren Steuerfedern.
Die Beziehungen zu den 4 - 5 Steinadlern, die in dem Gebiet vorkommen, sind von Tag zu Tag sehr verschieden. Von 21 verzeichneten Begegnungen endeten 12 mit einem bis zu 30 Minuten dauernden Luftkampf. Sieben der Kämpfe fanden zwischen Ende Oktober und Januar statt, keiner von Juni bis Anfang Oktober. 5 betrafen einen Jungadler, drei ein adultes Paar, ein anderer einen adulten Einzelvogel, sowie 3 einen aufgrund der Entfernung unbestimmbaren Adler.
Der dramatischste Kampf fand zum Zeitpunkt der ersten Paarungen, am 15.Januar 1994 statt: einer der beiden Adler hatte sich auf die Spitze einer hohen Fichte gesetzt, und *Melchior stieß derart heftig aus der Luft auf ihn herunter, daß der Adler rückwärts herunterfiel, was dem Geier erlaubte, sich seinerseits auf den Baum zu setzen (was Bartgeier recht selten tun). In den letzten Jahren sind die Beziehungen zu dem adulten Adlerpaar deutlich besser geworden. Sie kommen weitaus seltener in den Horstbereich der Geier, dürfen aber schon einmal unbehelligt in weniger als 500 m Entfernung vom Nest fressen oder herumsitzen, (selbst wenn gerade eine Brut im Gange ist.)
Die harmlosen Alpendohlen fliegen oft in ganzen Schwärmen mit den Geiern einher, ohne sie jedoch systematisch zu belästigen. In der Felswand und sogar auf dem Nest erlauben sie es sich, wenn auch selten, sich weniger als 2 m von einem Geier entfernt aufzuhalten, so wie sich auch gelegentlich Hausrotschwänze (Phoenicurus ochruros) an die großen Vögeln erstaunlich nahe heranwagen.
Oft erschreckt ein vorbeifliegender Bartgeier grasende Steinböcke, besonders wenn sie in einer Steilwand stehen und der Vogel sich über ihnen niederläßt. Aber sie können auch einen Geier attackieren, wenn er versucht, einen in der Nähe eines Kitzes heruntergefallenen Knochen zu erreichen. Nach 30 Minuten erfolgloser Wartezeit mußte der Geier in diesem Fall aufgeben. Aber an einem 13. Januar kam es auch vor, daß zwei Steinbockweibchen 4 m unter dem auf einem Felsvorsprung sitzenden *Melchior ruhig grasten; dieser flog 6 Minuten später davon.
Kontakte mit Menschen - Störungen
Im Laufe der Jahre sind Bartgeier etwa 30 Male in sehr kurzer Distanz (weniger als 20 m) an mir vorbeiflogen. Ein Teil dieser Vorkommnisse läßt sich erklären durch eine Art Überraschungseffekt: aufgrund des zerklüfteten Terrains hatte mich der sehr tief fliegende Vogel zu spät gesehen. Aber es geschieht auch, daß ein Geier mich aus großer Entfernung sieht und nur aus Neugierde so nahe heranfliegt. Eines steht fest: es ist ein Kinderspiel, einen derart riesigen Vogel auf solch eine Entfernung abzuschießen, weshalb noch sehr viel Öffentlichkeitsarbeit im Alpenraum geleistet werden muß, damit auch der letzte schiesswütige Nimrod begreift, wie unsinnig und verachtenswert eine solche "Tat" ist. Viele andere Sichtbeobachtungen von "Beinahe-Zusammenstössen" betreffen Skifahrer und Bergwanderer, die immer wieder erstaunt sind über die Vertrautheit dieser Vögel. Anscheinend kennen sowohl junge wie alte Geier die zahlreichen Kabel der Skilifte und Stromleitungen in der Gegend recht gut, und die Unfallquote scheint bislang eher überraschend niedrig, da die Vögel nur selten nach Einbruch der Dunkelheit fliegen.
Man hat nicht den Eindruck, daß die Vögel Kabel vorsichtig umfliegen. Im Gegenteil: es passiert gar, daß sie zwischen zwei Kabeln unbeschadet hindurchgleiten!
Motorfahrzeuge, z.B. auf Skipisten, werden genauso ignoriert wie die meisten Flugzeuge und Hubschrauber, (selbst wenn diese während der Brutzeit weniger als 1 km vom Horst entfernt vorbeikommen. )
Weitaus besorgter sind die Vögel, wenn Gleitschirmflieger sich in Horstnähe aufhalten, was vor allem während der Aufzucht des Jungvogels vorkommt. In Jahren ohne Brut sind die Vögel während der heißen Tage und Tageszeiten ohnehin weniger häufig im Horstbereich anzutreffen. Leider existiert in der französischen Gesetzgebung noch eine Lücke in dieser Beziehung. Nur in einem Naturreservat ist Gleitschirmfliegen verboten; in der Schweiz nicht einmal dort !
Einige skrupellose Fotografen und Filmer haben hin und wieder versucht, in weniger als 300 m Entfernung vom Horst anzusitzen, sogar während der Paarungszeit, was die Vögel natürlich massiv stört und dazu führen kann, daß diese für den Rest des Tages verschwinden. Die Betreffenden wurden in der Regel vom Horstbewachungspersonal gestellt und verwarnt. Da die Strafen empfindlich sein können (Konfiszierung der optischen Ausrüstung), hat es bis heute keine Wiederholtungstäter gegeben. Ein Problem besteht weiterhin: auf einem Bergrücken, der nur 500 - 600 m vom Horst entfernt ist, kann das Besteigen nicht verboten werden. Die Geier haben sich aber an den Betrieb auf diesem Gipfel gewöhnt, da die Besucher sich immer auf dem gleichen (einzigen) Weg befinden.
Die erste erfolgreiche Brut
Am 24.November 1996 paaren sich die Geier wieder mehrmals trotz dicht überhinfliegenden Gleitschirmspringern und Kleinflugzeugen. Im Dezember fangen sie wieder an, den Horst zu beschicken und verjagen mit Nachdruck die in einem benachbarten Tal wohnhaften Steinadler, aber auch Raben, Rabenkrähen und sogar hin und wieder die kleinen Alpendohlen.
Sie verbringen viel Zeit auf und in der Nähe des Nestes, putzen sich gegenseitig Kopf- und Nackengefieder und veranstalten wieder ihre spektakulären Synchronflüge. Erst am 12. Januar sehe ich eine zweite Paarung, kurioserweise in weniger als 20 m Entfernung von einem gelandeten Jungadler, dem es anscheinend zu zeigen galt, wer hier der Herr des Territoriums ist ! Vom 29.1. bis zum 9.2. erfolgt eine ganze Serie von Kopulationen. Das Wetter schlägt am 10.2. um, und man sieht fast eine Woche lang nichts mehr von den Vögeln. Dann, an einem wolkenlosen 16.Februar, ist es wiederum Melchior, der ein Ei bebrütet, während Assignat erst am Nachmittag zur Ablösung erscheint. Die APEGE verzeichnet, daß Assignat 62% des Brutgeschäftes am Tag übernimmt, aber nur 51 % der Nachtbebrütung (Heuret & Rouillon 1998). Bis zu 5 Brutablösungen werden pro Tag beobachtet; im Schnitt sind es nur 2,1 pro Tag.
Ende März bekommen wir einen riesigen Schreck. Die französische Armee setzt auf dem 600 m vom Horst entfernten Gipfel tagelang Truppen mit riesigen Hubschraubern ab und verursacht einen Höllenlärm. Es gelingt der APEGE endlich, dem Treiben durch massives Intervenieren auf ministerieller Ebene ein Ende zu setzen, aber die Geier haben anscheinend ein "dickes Fell" und ruhig (?) weitergebrütet. Am 11.April ist es dann soweit. Das Weibchen ist auf dem Horst und verfüttert anscheinend von Melchior herbeigetragene Nahrung. Nach fast 90 Jahren ist wieder ein wildlebender Bartgeier in den Alpen aus dem Ei geschlüpft !(APEGE1997)
Während der ersten 3 Wochen wird das Junge alle 75 - 110 Minuten gefüttert: Zuerst dauern die Mahlzeiten nur 5 bis 13 Minuten, um dann im Mai länger (15 - 28', einmal 53'), aber auch etwas seltener zu werden. Normalerweise wird Phénix Alp Action, so wurde der Jungvogel nach einem der Hauptsponsoren getauft, von Assignat gefüttert, aber am 3.Mai übernimmt dies Melchior zweimal, während das Weibchen für mehrere Stunden abwesend ist. Pro Tag werden 1- 9 Fütterungen notiert, im Schnitt etwa 5 (Heuret & Rouillon 1998).
Da ich das Nest wegen der Bannmeile von 700 m aus achtbarer Entfernung beobachten muß, sehe ich das Küken erst am 17. Mai; die Mitarbeiter der APEGE, die ihren Wachposten 350 m vom Horst haben, entdecken es schon 2 Wochen davor. Am 31. Mai sehe ich zum letzten Mal einen Altvogel die Nacht mit Phénix auf dem Nest verbringen.
Im Juli verläuft die Horstbewachung problemlos. Das Wetter ist schlecht, und niemand wagt sich auf die steile, glitschige Matte am Fuß der Wand. Der August wird dann trockener und sehr heiß. Es kommt also öfters vor, daß ortskundige Wanderer vom Gipfel herab 350 m am Nest vorbeikommen, was die Altvögel aber nicht zu sehr übelnehmen.
Ende Juli bringen diese immer seltener Nahrung zum Horst. Am Morgen des 5.August landet ein Geier ohne Beute für einige Sekunden neben dem Jungvogel, dessen Flügelschlagen in den letzten Tagen immer frenetischer geworden ist. Um nicht aus dem Nest zu fallen, hatte er jedoch immer mit dem Gesicht zur Wand geübt. Die Eltern bleiben in der Nähe, bringen aber nichts mehr zu fressen trotz der unaufhörlichen Bettelrufe von Phénix. Um 13.23 h dann sehe ich endlich, wie der Junggeier sich nach langem Zögern an den Horstrand setzt, sich kurz duckt, um dann schließlich mit voller Absicht ins Leere zu springen ! Dieses Ausfliegen war kein majestätisches Schauspiel: der Jungvogel taumelte eher wie ein Blatt im Herbst trudelnd an der Wand entlang und landete dann unbeschadet 150 m tiefer im hohen Gras. Nach kurzer Zeit versucht er dann, in die Wand wieder hineinzusteigen, was ihm auch mit erstaunlicher Geschicklichkeit gelingt. Bartgeier sind gut zu Fuß !
Erst am 7.August fängt er wieder an, so etwas wie Flugübungen zu veranstalten. Dieses Training bleibt in den nächsten Tagen noch sehr bescheiden: 1-5' pro Flug, 5-13' pro Tag. Ab dem 11.8. fliegt Phénix schon etwa1 Stunde pro Tag, am 20. bleibt er 18' lang ununterbrochen in der Luft. Ein einziges Mal, am 19.August, landet er kurz auf dem Horst; es sollte aber bei dieser Anekdote bleiben. Sehr schnell, nach 4 Tagen schon, wählt er dann einen sicheren Schlafplatz in der gleichen Wand aus, den schon die Altvögel oft benutzten. Sein Aktionsradius übersteigt rapide einen Kilometer, und am 27.8. fliegt er zum ersten Mal in Begleitung von Assignat über das Tal in die benachbarte Bergkette. Am 31.8. sehe ich, wie er mit seiner Mutter in Richtung Horst zurückkommt.
Im Alter von 4 Wochen hat er mehr als 1000 Flugminuten hinter sich (Heuret & Rouillon 1998); ein freigelassener Junggeier kommt in dem Alter erst auf 200 - 600 Minuten, da er ohne die Stimulanz der Altvögel aufwächst. Schon ab dem 19.8. fängt Phénix an, mit den zahlreichen Alpendohlen, aber auch Greifvögeln wie Bussarden, Sperbern, Turmfalken und später ziehenden Rohrweihen in der Luft zu "spielen". Ende September sehe ich ihn nur am späten Nachmittag, wenn er zum Schlafplatz zurückkehrt, sowie früh morgens. Die Altvögel teilen sich nun den einen Schlafplatz 20 m unter dem Horst. Phénix sitzt etwa 200 m weiter in seiner Nische. Im Oktober verbringt er immer mehr Nächte an unbekannten Orten. Am 8.10. fangen die Altvögel wieder an, den Horst zu bebauen und verjagen den Jungvogel Ende Oktober. Er wird jedoch sporadisch noch bis Mitte Dezember gesehen. Aber nun fangen die Paarungen von Assignat und Melchior wieder an, die an einem Tag sogar dabei beobachtet werden, als sie Zweige auf eine andere geeignete Nestplattform tragen.
Weitere Bruten und Ausblick
Anfang Februar 1998 wird Assignat 3 Tage lang auf dem "alten" Horst beobachtet, fliegt dann jedoch wieder 2 Wochen lang mit Melchior herum, bis sie am 21. Februar wieder fest auf dem Nest sitzt und brütet. Wahrscheinlich wurde hier ein Nachgelege gezeitigt, ein bei Bartgeiern ein anscheinend recht unübliches Verfahren. Das zweite Küken schlüpft am 20. Februar und wird Dominique getauft. Einige Wochen vorher hatte bereits ein anderes Geierküken in Norditalien in der Gegend von Bormio am Stilfser Joch das Licht der Welt erblickt. Seine Eltern waren im Schweizer Nationalpark ausgesetzt worden und etwas jünger als das Paar in Hoch-Savoyen, nämlich 6 und 7 Jahre alt (Jenny 1998).
Im Mai werden wiederum zwei Jungvögel in 1,5 km Entfernung vom besetzten Horst ausgesetzt. Als diese jedoch im Juli anfangen, immer weiter und höher durch Assignats Revier zu fliegen, gibt es Probleme. Die beiden Junggeier werden sehr schnell vetrieben, können sich jedoch zum Glück zu diesem Zeitpunkt ohne künstliche Fütterung durchschlagen und überleben in der benachbarten wildreichen Aravis-Kette. Die Kosten für die Aufzucht eines Junggeiers betragen über 150.000.- DM ; daher beschließt die APEGE, ihre Jungvögel in Zukunft ein paar Kilometer weiter an einer anderen geeigneten Stelle freizulassen, um nur ja kein Risiko einzugehen.
Dominique fliegt am 13 August im Alter von 116 Tagen aus. Bereits im Alter von 33 Tagen hatten die Altvögel ihn auf dem Nest nachts allein gelassen. Sie sind nun in der Aufzucht etwas routinierter, und Dominique wird noch schneller selbständig als sein "Bruder" im letzten Jahr und verläßt das Bargy-Massiv bereits am 6. September zum ersten Mal. Er kommt jedoch regelmäßig zurück bis spät in den November hinein und benutzt auch noch den Horst, im Gegensatz zu Phénix, wiederholt als Fress- und Ruheplatz.
Inzwischen haben Assignat und *Melchior das zweite Nest, das sie bereits 1997 begonnen hatten, fertiggebaut und ein neues Gelege gezeitigt. Aus Norditalien kommen auch gute Neuigkeiten: in diesem Jahr sind es gar 2 Paare, die zur Brut geschritten sind. Und auch wenn der Brutversuch eines vierten Paares in Savoyen nach einigen Wochen gescheitert ist, kann man mit gutem Gewissen sagen, daß das Projekt endlich anfängt, in eine Zukunft zu weisen, in der die Vögel nicht mehr von unserem Eingreifen abhängen werden.
Ein erstes Kapitel ist also zu Ende. Paul Géroudet, einer der Begründer des Projektes, hatte Recht: der Bartgeier kann sich heute noch, am Ende des 20. Jahrhunderts selbst in unseren von der Zivilisation und dem Massentourismus heimgesuchten Alpentälern ernähren und vermehren. Es gilt nun zu wissen, wieviel Junggeier von der FCBV noch im Alpenraum ausgesetzt werden müssen, um eine unabhängige, überlebensfähige Geierpopulation zu schaffen, die trotz aller Unsicherheitsfaktoren und menschlichen Einflüsse (Gift, Blei und Kabel) weiter existieren kann, ohne daß die Teilpopulationen durch Isolierung oder Inzuchtsprobleme nacheinander zusammenbrechen. Wahrscheinlich werden noch viel Energie und Mittel in dieses Projekt investiert werden müssen. Die Ereignisse von 1997 zeigen uns jedoch, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Unser Dank gilt denen, die uns diesen Weg gezeigt haben.
Zusammenfassung: Erste Freilandruten eines in den Alpen ausgebürgerten Bartgeierpaars (Gypaetus barbatus).
Nach ersten Fehlschlägen bei Wiederansiedlung von Wildfängen in den 70er Jahren wurden von 1986 - 1998 insgesamt 80 junge Bartgeier in den Alpen ausgesetzt.
Anfang 1993 bildete sich ein Bartgeierpaar in Hoch-Savoyen /Frankreich und baute zu Ende des Winters einen Horst, in dem es 3 Jahre später zur Brut schritt, die aber nach 3 Wochen aus unbekannten Gründen aufgegeben wurde. 1997 brachte das gleiche Paar den ersten Jungvogel seit Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgreich hoch. Ein zweiter folgte 1998, als auch in Norditalien eine erfolgreiche Brut stattfand. Anfang 1999 waren gar 4 Brutpaare in den Alpen zu verzeichnen. Der Artikel gibt Auskunft über diverse Verhaltensformen und Umweltprobleme dieses Paars, das vom Autor ca. 630 Stunden lang über 6 Jahre hinweg beobachtet wurde.
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KURZFASSUNG DES GLEICHEN ARIKELS
Erste gelungene Brut wildlebender Bartgeier in den Alpen seit Anfang des Jahrhunderts
Von 1987-96 wurden in Hoch-Savoyen von der Agentur für Umweltschutz und
-management (APEGE) 23 junge Bartgeier am gleichen Ort ausgesetzt. Ein 1989 freigelassenes Weibchen, Assignat, kehrte nach einigen kurzen Eskapaden in die schweizer Alpen wieder in das Massiv zurück, wo es aufgewachsen war. Ein krasses Beispiel von Philopatrie also. Ende 1992 gesellte sich zu ihm ein Männchen, höchstwahrscheinlich der 1988 in der gleichen Grotte freigelassene Vogel Melchior. (Der Geier war sichtlich älter als Assignat, konnte damals nicht akkurat identifiziert werden, da seine Markierungen verschwunden waren. Im Jahre 2005 wurde er dann aufgrund einer ADN-Analyse einer Feder als der auch 1988 ebenda ausgesetzte Vogel "Balthasar" identifiziert.) Während des Winters 1992/93 baute das Paar ein Nest auf ca. 2000 m Höhe in einer lotrechten Wand, die nach S-SSE orientiert und nur etwa 6oo m von der Aussetzgrotte entfernt ist. Die benachbarten Gipfel sind 2100 bis 2470 m hoch.
Von Mai 1993 bis Januar 1998 habe ich zu diesem Paar und dem 1997 erbrüteten Jungvogel während etwa 270 Beobachtungstagen über 500 Stunden Sichtkontakt gehabt.
Am 9.Januar 1994 beobachtete ich die erste Paarung der subadulten Geier; es folgten weitere bis zum 5. Februar. Da Assignat jedoch erst 5 Jahre alt war, blieb dies noch ohne Folgen. Im Juni 1993 verschwand "Melchior" (bzw. Balthasar...), um von Ende September bis April 1995 nur alle 6 bis 8 Wochen sporadisch zu erscheinen. Es wurden nur 2 Paarungen verzeichnet: eine Ende November, die andere im Februar. Ansonsten trieb sich der Vogel im Vanoise-Nationalpark herum, wo er mit einem anderen Paar ein Trio bildete, das trotz Kopulationen ohne Nachwuchs blieb.
Ab dem 9.April 95 ist Melchior wieder in Hoch-Savoyen und dort bis heute geblieben.
Am 9.12.95 beobachte ich wieder Paarungsverhalten; bis zum 27.1.96 werden es 24 Beobachtungen. Dann wird das Wetter schlecht und die Vögel unsichtbar.
Am Morgen des 10.Februar 96 starre ich im tiefen Neuschnee stundenlang auf den Horst. Einmal fliegt das Weibchen kurz vorbei, ein Adler kommt auch, wird aber nicht angegriffen. Auf einmal habe ich den Eindruck, dass sich am Nest etwas verändert hat. Ich sehe (auf 1200 m Entfernung) einen kleinen schwarzen Fleck, der vorher nicht da war. Nach kurzer Zeit verschwindet er wieder und mir wird klar, dass Melchior schon den ganzen Morgen auf dem Horst sitzt und brütet ! Endlich haben zwei Bartgeier in den Alpen wieder einen Brutversuch unternommen. Wann war der letzte ? Vor oder nach 1900 ?
In den n¦chsten 3 Wochen geht alles sehr diskret zu. Die V¨gel brüten abwechselnd aber ohne festes Schema. Mal brütet Melchior morgens, mal nachmittags. Assignat scheint 55-65% des Brutgeschäfts am Tag zu übernehmen. Die Ablösungen erfolgen ohne spektakuläres Zeremoniell; die Geier scheinen keine Aufmerksamkeit auf sich lenken zu wollen. Manchmal lassen sie das Ei/die Eier sogar bis zu 30 Minuten liegen und fliegen gemeinsam fort. Böse Stérungen verursachen die Kolkraben, die in der gleichen Wand brüten. Sie setzen sich auf den Horstrand, um Nistmaterial zu stehlen, und der br¾tende Vogel muss sie durch Flügelschlagen verscheuchen.
So geschehen auch am 3.März . Zwei Stunden nach dieser letzten Stérung fliegt Assignat weg, gefolgt von Melchior. Die Brut ist aufgegeben, obwohl das Paar in den folgenden Tagen noch hin und wieder für wenige Minuten das Nest anfliegt. Was war passiert ? Liessen die V¨gel ihr Gelege im Stich, weil sie von den Raben verunsichert wurden ? Oder war das erste Ei unbefruchtet, wie dies in der Mehrheit aller F¦lle bei Erstgelegen in Gefangenschaft der Fall zu sein scheint ?
Immerhin: es steht nun fest, dass auch heute noch in bestimmten Gegenden der Alpen alle Bedingungen erfüllt sind, um Bartgeiern eine natürliche Fortpflanzung zu erlauben. In der Region Bornes-Aravis lebt genug Schalenwild (Steinböcke, Gemsen, Hirsche, Rehwild und Sauen), und im Sommer sind manche Almen von Schafen und Ziegen geradezu überweidet, was 1996 übrigens zu eine Moderhinke-Epidemie beim Steinwild geführt hat. Nahrungsprobleme gibt es weder in milden noch in harten Wintern; die einzigen Gefahren sind Kugel, Gift und Kabel in der Landschaft. Sogar adulte Bartgeier wie der 7jährige Danton fallen Hochspannungsleitungen zum Opfer, und der Abschuss von Republic 5, Nina und Felix hat gezeigt, dass die schiesswütigen Nimrode noch nicht überall ausgestorben sind. Es wird vermutet, dass eine Reihe von "verschwundenen" Bartgeiern des Projektes ein ähnliches Schicksal erlitten haben.
Am 24.November 1996 paaren sich die Geier wieder mehrmals trotz dicht überhinfliegenden Gleitschirmspringern und Kleinflugzeugen. Im Dezember fangen sie wieder an, den Horst zu beschicken und verjagen mit Nachdruck die in einem benachbarten Tal wohnhaften Steinadler, aber auch Raben, Rabenkrähen und sogar hin und wieder die kleinen Alpendohlen.
Sie verbringen viel Zeit auf und in der Nähe des Nestes, putzen sich gegenseitig Kopf- und Nackengefieder und veranstalten spektakuläre Synchronflüge. Erst am 12. Januar sehe ich eine zweite Paarung, witzigerweise in weniger als 20 m Entfernung von einem gelandeten Jungadler, dem es anscheinend zu zeigen galt, wer hier der Herr des Territoriums ist. Vom 29.1. bis zum 9.2. erfolgt eine ganze Serie von Kopulationen. Das Wetter schlägt am 10.2. um , und man sieht fast eine Woche lang nichts mehr von den Vögeln. Dann, an einem wolkenlosen 16.Februar, wiederholt sich die Entdeckung vom 10.2.96: wieder ist es Melchior, der ein Ei bebrütet, während Assignat erst am Nachmittag zur Ablösung erscheint.
Ende März bekommen wir einen riesigen Schreck. Die franz¨sische Armee setzt auf einem 600 m vom Horst entfernten Gipfel tagelang Truppen mit riesigen Hubschraubern ab und verursacht einen Höllenlärm. Es gelingt der APEGE endlich, dem Treiben durch massives Intervenieren auf ministerieller Ebene ein Ende zu setzen, aber die Geier haben anscheinend ein "dickes Fell" : sie haben brav weitergebrütet. Am 11.April ist es dann soweit. Das Weibchen ist auf dem Horst und verfüttert anscheinend von Melchior herbeigetragene Nahrung. Der erste wildlebende Bartgeier in den Alpen ist nach (fast oder über ?) 100 Jahren aus dem Ei geschlüpft.
Während der ersten 3 Wochen wird das Junge alle 75 - 110 Minuten gefüttert: Zuerst dauern die Mahlzeiten nur 5 bis 13 Minuten, um dann im Mai länger (15 - 28', einmal 53'), aber auch seltener zu werden. Normalerweise wird Phénix von Assignat gefüttert, aber am 3.Mai übernimmt dies Melchior zweimal, während das Weibchen für mehrere Stunden abwesend ist.
Da ich das Nest wegen einer Bannmeile von 700 m aus achtbarer Entfernung beobachten muss, sehe ich das Küken erst am 17. Mai; die Mitarbeiter der APEGE, die ihren Wachposten 350 m vom Horst haben, entdecken es schon 2 Wochen davor. Am 31. Mai sehe ich zum letzten Mal einen Altvogel die Nacht mit Phénix auf dem Nest verbringen. Nun ist er zu gross geworden und nimmt zuviel Platz weg. Im Juli verläuft die Horstbewachung problemlos. Das Wetter ist schlecht, und niemand wagt sich auf die steile, glitschige Matte am Fuss der Wand. Der August wird dann trockener und sehr heiss. Es kommt also öfters vor, dass ortskundige Wanderer vom Gipfel herab 350 m am Nest vorbeikommen, was die Altvögel aber nicht sehr übelnehmen.
Ende Juli bringen die Altvögel immer seltener Nahrung zum Horst. Am Morgen des 5.August landet ein Geier ohne Beute für einige Sekunden neben den Jungvogel, dessen Flugübungen in den letzten Tagen immer frenetischer geworden sind. Um nicht aus dem Nest zu fallen, hatte er jedoch immer mit dem Gesicht zur Wand geübt. Die Eltern bleiben in der Nähe, bringen aber nichts mehr zu fressen trotz der unaufhörlichen Bettelrufe von Phénix. Um 13.23 h dann sehe ich endlich, wie der Junggeier sich nach langem Zögern an den Horstrand setzt, sich kurz duckt, um dann schliesslich mit voller Absicht ins Leere zu springen ! Dieses Ausfliegen war kein majestätisches Schauspiel: der Jungvogel taumelte eher wie ein Blatt im Herbst trudelnd an der Wand entlang und landete dann unbeschadet 150 m tiefer im hohen Gras. Nach kurzer Zeit fing er dann an, zu Fuss in die Wand wieder hineinzusteigen, was ihm auch mit erstaunlicher Geschicklichkeit gelang. Bartgeier sind gut zu Fuss !
Erst am 7.8. fing er dann wieder an, so etwas wie Flugübungen zu veranstalten. Dieses Training blieb in den nächsten Tagen noch sehr bescheiden: 1-5' pro Flug, 5-13' pro Tag. Ab dem 15.8. fliegt Phénix schon 1 Stunde pro Tag, am 20. bleibt er 18' lang ununterbrochen in der Luft. Ein einziges Mal, am 19., landet er kurz auf dem Horst; es sollte aber bei dieser Anekdotre bleiben. Sehr schnell wählt er dann einen Schlafplatz in der gleichen Wand aus, den schon die Altvögel oft benutzten. Sein Aktionsradius übersteigt rapide einen Kilometer, und am 27.8. fliegt er zum ersten Mal in Begleitung von Assignat über das Tal in die benachbarte Bergkette. Am 31. sehe ich, wie er mit seiner Mutter in Richtung Horst zurückkommt. Schon ab dem 19.8. fängt er an, mit den zahlreichen Alpendohlen, aber auch Greifvögeln wie Bussarden, Sperbern, Turmfalken und später ziehenden Rohrweihen in der Luft zu "spielen". Ende September sehe ich ihn nur am späten Nachmittag, wenn er zum Schlafplatz zurückkehrt, sowie früh morgens. Die Altvögel teilen sich nun den einen Schlafplatz 20 m unter dem Horst. Phénix sitzt etwa 200 m weiter in seiner Nische. Im Oktober verbringt er immer mehr Nächte an unbekannten Orten und wird im Wallis in 30 km Entfernung gesehen. Am 8.10. fangen die Altv¨gel wieder an, den Horst zu bebauen, das Junge wird sporadisch noch bis Mitte Dezember gesehen. Aber nun fangen die Paarungen von Assignat und Melchior wieder an, die den Jungvogel anscheinend vertrieben haben, was aber niemand mit eigenen Augen hat beobachten k¨nnen. Vielleicht hat er auch aus eigenem Antrieb das Weite gesucht.
Ein Kapitel ist also zu Ende. Paul Géroudet, einer der Begründer des Projektes, hatte Recht: der Bartgeier kann sich heute noch, am Ende des 20. Jahrhunderts selbst in unseren von der Zivilisation und dem Massentourismus heimgesuchten Alpentälern ernähren und vermehren. Es gilt nun zu wissen, wieviele Junggeier von der FCBV noch im Alpenraum ausgesetzt werden müssen, um eine unabhängige überlebensfähige Geierpopulation zu schaffen, die trotz aller Unsicherheitsfaktoren und menschlichen Einflüssen weiter existieren kann, ohne dass die Teilpopulationen durch Isolierung oder Inzuchtsprobleme nacheinander zusammenbrechen. Wahrscheinlich werden noch viel Energie und Mittel in dieses Projekt investiert werden müssen. Die Ereignisse von 1997 zeigen uns jedoch, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Unser Dank gilt denen, die uns diesen Weg gezeigt haben.
Bibliographie
APEGE (Agence Pour l'Etude et la Gestion de l'Environnement) (1997): Communiqué de presse - Reproduction in natura de Gypaètes barbus dans les Alpes françaises.
FCBV (Foundation for the Conservation of the Bearded Vulture) (1997): Le Gypaète dans les Alpes. Wien.
GEROUDET, P.(1977): The reintroduction of Bearded Vultures into the Alps. World Conference on Birds of Prey, Wien, 1975 . ICBP, London.
LÜCKER,L.(1997): Première tentative de nidification d'un couple de Gypaètes barbus Gypaetus barbatus issus de réintroduction dans les Alpes et remarques comportementales. Nos Oiseaux 44:193-204
Autor: Lutz LÜCKER, chemin du Fort-de-l'Ecluse 5, CH-1213 Petit-Lancy - Tel./Fax 0041-22-792 84 62