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Übersommerung eines Gleitaars (Elanus caeruleus) im Kanton Genf.

Übersommerung eines Gleitaars (Elanus caeruleus)  im Kanton Genf.
Der Gleitaar ist nicht wirklich ein europäischer Greifvogel. Man findet ihn vor allem im grössten Teil Afrikas südlich der Sahara, von Indien bis Indonesien, auf Java (ssp. E. c. intermedius), Sumatra (E. c. sumatranus), auf den Philippinen und Borneo (E. c. hypoleucus) sowie im Osten von Neu-Guinea (E. c. wahgientis). In der Westpaläarktis brütet er im Maghreb, im Niltal, sowie im Westen der iberischen Halbinsel.

Seit 1983 kommt er auch in Südwestfrankreich (Aquitanien) vor, aber erst seit 1990 nistet er dort. Inzwischen wurden dort in den Departements Gironde,Landes, Pyrénées Atlantiques und Hautes-Pyrénées im Jahre 2007 trotz des relativ schlechten Wetters 76 Jungvögel von 22 Brutpaaren hochgezogen, bis zu fünf pro Brut. Manche Gleitaare brüteten zweimal oder starteten sogar einen dritten Brutversuch im gleichen Jahr in der Zeit von Februar bis Mitte November. (N.B.: In tropischen Gegenden brütet diese Art bis zu viermal pro Jahr.)

Immer mehr Gleitaare tauchten dann auch im Osten und Norden Frankreichs auf: bei Paris, im Elsass, im Jura und bis in die belgischen Ardennen. Der nördlichste (gestörte) Brutversuch fand 1994 in der Normandie statt. 1998 gab es eine Brut in den Grandes Causses (Lozère). Im Jahre 2005 brachte ein Paar in der Ebene von Berthoud südwestlich von Lyon, 110 km von Genf entfernt, 4 Junge hoch, leider blieb es bislang dabei. Einer wurde im Juni 2000 wochenlang in Emmen/Niederlande beobachtet (mdl.Mitt. J.&H.Remmerswaal), ein anderer in kurzer Zeit (1998) auf Texel und in Dänemark. Auch in der Deutschschweiz wurden seit 1994 drei verschiedene Vögel gesehen, aber nur kurz. Nur in Oberösterreich blieb ein Gleitaar von Ende September bis Ende Oktober 2003.

So war es nur eine Frage der Zeit, dass sich diese Vögel auch in der Westschweiz zeigten.
Am 14. Mai 2008 wurde dann auch ein scheinbar adulter Vogel westlich von Genf im Rhônetal bei Seyssel (Hoch-Savoyen) gesehen. Er verschwand zunächst, aber Mitte Juli wurde wohl der gleiche Vogel kurz am Rande des Genferseebeckens, auf dem Mont-de-Sion beobachtet, nur wenige Kilometer von der schweizer Grenze, 11 km entfernt von Seyssel.

Am 3. August sah dann E.Zurcher zwei, eventuell sogar drei Gleitaare in der seit Jahren speziell für Rebhühner mit vielen Brachflächen ausgestatteten Agrar-Ebene der genfer „Champagne“ zwischen Athenaz und Laconnex, 10 km vom Mont-de-Sion. Diese abwechslungsreiche Feldflur zeichnet sich aus als Brutplatz für hier spärliche oder selten gewordene Vogelarten: Wachtel, Turteltaube, Hohltaube, Steinkauz, Waldohreule, Wendehals, Feldlerche, Uferschwalbe, Dorngrasmücke, Orpheusspötter, Neuntöter, Pirol, Schwarzkehlchen, Zaun- und Grauammer. Auch Flussregenpfeifer, Bienenfresser und Wiedehopf haben in der näheren Umgebung genistet; zur Zugzeit ist das Gebiet ein bevorzugtes Jagdgebiet für Weihen, seltener Rotfussfalken oder Merline. Wespenbussard, Wanderfalk, Baumfalk, und Sperber jagen dort regelmässig. Bei starken Regenfällen rastet manche Limikolenart in Pfützen und Viehtränken.

Einer der Gleitaare blieb dort bis zum 10. November, also über 3 Monate, und wurde von hunderten von Ornithologen bestaunt. Jeden Tag kröpfte er Wühlmäuse und andere Nagetiere auf einem toten Baum, keine 80 m von einem privatenWirtschaftsweg, der aber intensiv von Sportlern und Reitern benutzt wird. Leider wurde er von einer Reihe von Fotografen wiederholt gestört.

Meines Wissens wurden nie andere Beutetiere als Nager festgestellt. Es muss ein ausserordentlich gutes Mäusejahr gewesen sein, denn in Soral, einem nahgelegenen Dorf, brüteten 2 Schleiereulenpaare im gleichen Bauernhof! – Der Gleitaar war ein sehr erfolgreicher Beutegreifer und konnte es sich leisten, viele Stunden am Tag untätig verstreichen zu lassen. Ein weiteres Indiz für Beuteüberfluss: der Vogel frass die Kleinsäuger nie restlos auf; er liess immer einen beträchtlichen Teil der Innereien fallen.- Wahrscheinlich um einen Kleinvogel zu erhaschen, verflog der Gleitaar sich einmal in ein Japannetz, da Mitarbeiter der Schweizerischen Vogelwarte seit Jahren Planberingungen in dieser Gegend vornehmen. Aufgrund des relativ geringen Gewichtes von 240 g und einiger weniger Federn des Jugendkleides (schriftl. Mitt. B.Lugrin) wurde er als vorjähriges Männchen bestimmt. Es ist in der Tat sehr schwierig, auch nur knapp 12 Monate alte Jungvögel im Felde von Adulten zu unterscheiden. (NB: Es wird vermutet, dass Gleitaare im zweiten Kalenderjahr fortpflanzungsfähig sind.)- Trotz des Fangtraumas blieb der Vogel noch wochenlang und änderte seine Gewohnheiten nicht.

Der Vogel hatte einen sehr geringen Aktionsradius, meist nur 1 km2. Nur in der Abenddämmerung flog er oft etwas weiter durch die Gegend; man hat nie herausgefunden, wo er übernachtete. Den ortsansässigen Mäusebussarden und Turmfalken gegenüber zeigte er sich so agressiv, dass diese es im Laufe der Zeit immer mehr vermieden, ihm zu nahe zu kommen. Von den dort häufigen Rabenkrähen wurde er aber nur recht selten gestört; nur eine Elster sah im oft beim Kröpfen aus nächster Nähe zu, wurde aber i.d.R. ignoriert. War aber ein Turmfalke in der Nähe, wippte der Gleitaar oft minutenlang nervös mit dem Schwanz, wie etwa Sperlingskäuze dies tun.

Einmal beobachteten wir Ende August um die Mittagszeit, wie der Vogel so hoch ins Zenith stieg, dass wir ihn aus den Augen verloren; am Abend war er aber wieder da.- Sitzwarten waren oft niedrige Büsche (Hagebutten), dünne Bäumchen (Weiden), Sonnenblumen, zusammengelegte und fängisch gestellte Japannetze sowie deren Spannstangen. Belaubte Bäume mied er; im Spätherbst vergrösserte sich daher die Zahl der benutzten Bäume (vor allem Walnussbäume) drastisch.

Am 23.August, also 3 Wochen später, wurde dann ein anderer ad. Gleitaar bei Frasne im Norden des Juragebirges (Département Doubs, Franche-Comté) gesehen. Es ist denkbar, dass es sich um einen der am 3.8. bei Athenaz gesehenen Vögel handelte, denn Frasne ist nur 75 km weit erntfernt.

Vom 2.-9.September war dann ein ad. Vogel, möglicherweise der gleiche, westlich von Vesoul (Haute-Saône), also in 160 km Entfernung vom Kanton Genf, 85 km entfernt von Frasne. Die grosse Überraschung war jedoch ein Jungvogel am 9. Sept. in der gleichen Gegend, der aber leider nur einmal gesehen wurde. - Sowohl bei Vesoul als auch bei Genf wurde festgestellt, dass Habichte versuchten, die Gleitaare zu schlagen oder zu verjagen, was das plötzliche Verschwinden eines Vogels erklären könnte. Auch Wanderfalken gegenüber zeigte sich der genfer Vogel ängstlich.

Es stellt sich also die Frage, ob in der durch die zahlreichen Hecken und Feldraine zum Teil schwer zugänglichen Gegend zwischen Seyssel, dem Mont-de-Sion und Athenaz zwischen Mitte Mai und Anfang August ein (erfolgreicher?) Brutversuch stattgefunden hat, unbemerkt, da in einer für Ornithologen relativ „uninteressanten“ Kulturlandschaft. Erstaunlich wäre natürlich, dass sich das Brutpaar bereits Anfang August „getrennt“ hätte, aber das wiederum könnte an den in dieser Gegend nicht seltenen Wanderfalken und Habichten liegen. - Im Zeichen der fortlaufenden Klimaerwärmung kann man m.E. wohl erwarten, dass sich solche Beobachtungen in den nächsten Jahren häufen werden und dass Gleitaare in nicht allzu ferner Zukunft auch in den deutschsprachigen Ländern zu einer fast regelmässigen Erscheinung werden könnten.

Bibliographie:

Thiollay Jean-Marc & Bretagnolle Vincent : Rapaces nicheurs de France, Paris, 2004

Delage, François : Suivi de l'Elanion blanc dans le Bassin de l'Adour – Saison 2007
http://lpo.pyrenees.atl.free.fr/suivi_espece/especes/elanion/docs/suivi%202007%20simplifi%E9.pdf

L'Elanion blanc "Elanus caeruleus" dans le bassin de l'Adour
auf http://lpo.pyrenees.atl.free.fr/suivi_espece/especes/elanion/elanion.htm

Magalie Dubois : Nidification réussie d'un couple d'Élanions blancs Elanus caeruleus dans le Rhône en 2005.
auf http://www.lpo.fr/ornithos/ornithos13-2.shtml

Diagramm der Bestandsentwicklung in Aquitatien auf
http://lpo.pyrenees.atl.free.fr/suivi_espece/especes/elanion/docs/Elanion%20graph%201.pdf

DUCHATEAU Stéphane ; DELAGE Francois : Évolution, paramètres reproducteurs et facteurs limitants de l'élanion blanc Elanus caeruleus dans le sud-ouest de la France
auf http://cat.inist.fr/?aModele=afficheN&cpsidt=18382262

Deux Elanions blancs dans le nord de la France
auf http://www.ornithomedia.com/magazine/mag_art249_1.htm

Maumary, Lionel : Un Elanion en Champagne genevoise
auf http://www.oiseaux.ch/articles/article.php?zetype=6&id=21

Delage, Francois (2007) : Elanion blanc, espèce vulnérable
http://www.lpo.fr/rapaces/docs/cahiers2007_screen.pdf

Clergeau, Philipe ; Lorvelec , Olivier: L'Elanion blanc dans la péninsule ibérique
http://w3.rennes.inra.fr/scribe/document/annexeg.pdf

H.Krieger, A.Schmalzer & M.Brader: Eine neue Art für Oberösterreich - der Gleitaar. Vogelkdl. Nachr. OÖ, Naturschutz aktuell, 2004, 12/1
http://81.10.184.26:9001/pdf/VNO_012a_0069-0075.pdf


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Videoaufnahmen des genfer Vogels (viele Kröpfszenen) auf
http://www.dailymotion.com/lutz6lucker
Fotos des Autors auf
http://picasaweb.google.com/lutzluecker/ElanionGleitaarGenVe#

Viele andere Bilder auf
http://www.ornitho.ch/index.php?m_id=7&mp_item_per_page=20&authorFilter=&frmAuthor=0&speciesFilter=&frmSpecies=143&frmDisplay=Afficher

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# Posté le samedi 29 novembre 2008 17:13

Modifié le samedi 06 décembre 2008 09:07

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